Achmed

Ich bin mit einem Trekking-Rucksack nach Europa gekommen. Für einen Koffer war auf dem Boot kein Platz. Im Rucksack waren Essen, eine Hose, eine Jogginghose, eine Jacke, ein T-Shirt und ein Liter Wasser. Ich selbst habe eine Kappe, eine Jacke und Sportschuhe, ein Armband und einen Ring getragen. Obwohl ich das alles anhatte, war mir trotzdem kalt. Wir waren 17 Stunden lang auf dem Boot. Es gab dort ausreichend Wasser. Außerdem Datteln und Milch, weil die nicht kaputtgehen, wenn Wasser ins Boot kommt. Datteln sind auch gut gegen die Übelkeit. Bonbons auch. Mein Armband und meinen Ring habe ich auf der Fahrt verloren. Alle meine anderen Sachen habe ich einem alten Marokkaner geschenkt. Er musste in Spanien in einem Flüchtlingslager, im „Centro“, zurückbleiben. Ich war minderjährig und konnte weiter. Nur im T-Shirt und kurzer Hose ging ich los.

Constantin

Wir alle sterben eines Tages. Viele Menschen bestimmen ihr Leben durch den Drang, über den Tod hinaus in der Erinnerung anderer zu leben, eine historische Leistung zu vollbringen, die kein anderer jemals geschafft hat.
Deshalb klettern wir auf Berge, pflanzen Fahnen am Nord- und Südpol oder erschaffen Kunstwerke. Ich stelle mir die Frage, ob man das Leben dann nicht verschwendet hat, ob es nicht egal ist, was nach dem Tod auf der Welt passiert, was von einem bleibt, wenn man doch sowieso tot ist.
Meine Ansprüche sind daher eher bescheiden. Ich hoffe, dieser Welt Kinder zu hinterlassen, die meine Lebensgeschichte weitertragen. Das ist eigentlich die Hauptsache, der Rest ist vergänglich.

Ali

Anhörung des Vaters beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
FRAGE: Nennen Sie mir bitte ihre letzte offizielle Anschrift im Heimatland. Haben Sie sich dort bis zur Ausreise aufgehalten? Wenn nein, wo?
ANTWORT: „Ich wohnte in der Provinz Herat. Ich habe mich bis zur Ausreise dort aufgehalten.“
FRAGE: Haben Sie in einem Haus oder in einer Wohnung gewohnt?
ANTWORT: „Ich habe dort in einem zweigeschossigen Privathaus gewohnt, das der Familie gehört.“
FRAGE: Wann haben Sie Ihr Heimatland verlassen?
ANTWORT: „Ich bin am 19.05.1999 ausgereist.“
FRAGE: Wohin sind Sie gereist?
ANTWORT: „Ich bin illegal nach Iran ausgereist.“
FRAGE: Wie lange haben Sie sich im Iran aufgehalten?
ANTWORT: „Ich habe mich im Iran 16 Jahre lang aufgehalten.“
FRAGE: Wie sind Sie dann weitergereist?
ANTWORT: „Vom Iran aus bin ich in die Türkei gereist. Danach reiste ich über Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Deutschland. Die Reise hat insgesamt viele Tage gedauert.“
FRAGE: Sie sagen in Serbien ist etwas vorgefallen? Was meinen Sie damit?
ANTWORT: „An der Grenze zwischen Serbien und Ungarn mussten wir drei Tage im Wald leben. Während wir warteten, wurden wir überfallen. Uns wurden 4600€ geraubt. Wir wurden zwischen 15 und 19 Uhr von drei Unbekannten ausgeraubt. Wir wurden gefangen und geschlagen. Die ganze Ausreise kostete 17.000€ für die gesamte Familie.“
FRAGE: Welchen Beruf haben Sie gelernt? Bei welchem Arbeitgeber haben Sie zuletzt gearbeitet? Hatten Sie ein eigenes Geschäft?
ANTWORT: „Ich bin Schneider. Ich habe diesen Beruf erlernt und in diesem gearbeitet.“
FRAGE: Sie werden nun zu ihrem Verfolgungsschicksal und den Gründen angehört. Sie werden aufgefordert, die Tatsachen vorzutragen, die Ihre Furcht vor Verfolgung oder die Gefahr eines Ihnen drohenden Schadens begründen. Weiterhin haben Sie alle sonstigen Tatsachen und Umstände anzugeben, die einer Abschiebung in einen bestimmten Staat entgegenstehen.
ANTWORT: „Ich bin seit 1989 Mitglied der Mudschahedin. Zum Anfang haben wir gegen die Regierung gekämpft und später kämpften wir gegen die Taliban.“
FRAGE: Gibt es noch andere Gründe, die Sie für das Verlassen Ihres Heimatlandes vorbringen wollen?
ANTWORT: „Das war der Grund, warum ich meine Heimat verlassen habe, das Leben meiner Familie und mein eigenes Leben war in Gefahr.“
FRAGE: Machen Sie für Ihre Kinder weitere Asylgründe geltend?
ANTWORT: „Ja“
FRAGE: Bitte geben Sie diese weiteren Gründe an.
ANTWORT: „Ich möchte für meine Kinder eine bessere, sichere Zukunft haben.“

Momo

Was ist das eigentlich für ein Einfall in meinem Leben, dieser eine Part, von dem nie etwas zu merken war? Heimat, was empfinde ich dabei? Krieg, Leid, Trauer, aber auch Wunder. Heimat, ich sehe alles wie auf einer Leinwand. Bei dem Gedanken fällt mir ein, dass ich weinen kann. Rosen sind rot, Veilchen sind blau. In meiner Heimat ist Krieg, das weiß ich genau.

Magomed

Meine erste Erinnerung ist mit sechs Jahren, als ich meinen Bruder sah, tot, mit zwei Einschüssen. Sie brachten seine Leiche aus den Bergen, wo die meisten tschetschenischen Kämpfer und Gruppen lebten, die sich gegen die Russen zur Wehr setzten. Ich versuchte ihn aufzuwecken, doch mein anderer Bruder sagte nur: „Lass ihn, unser Bruder schläft tief.“ Drei Jahre wartete ich auf ihn, wartete, dass er aus diesem Schlaf aufwachen und zurückkommen würde, bis es mir klar wurde, dass er nie wiederkommen würde. Mit neun Jahren verstand ich zum ersten Mal, was der Tod bedeutet.

Hassine

Wenn ich an meine Heimat denke, rieche ich Fasolia, Herira und Chai. Das sind arabische Gerichte und schwarzer Tee. Ich rieche den Abfluss am Rand der Straße und wenn ich an mein Zuhause denke, rieche ich den Duft, der das ganze Haus füllte. Wie ein Parfüm für das Haus. Und ich rieche Öl und Benzin, weil ich als Mechaniker arbeitete. Wenn ich an meine Heimat denke, sehe ich Fußgänger, die sich die Straßenläden anschauen und mit den Verkäufern reden. Sie unterhalten sich über alles Mögliche. Ich sehe schnelle Autos aber auch alte Esel und Kühe, Hunde, Katzen. Und ich sehe schwarze Hände voller Öl und Ruß. Wenn ich an meine Heimat denke, höre ich Mezwed und Klay Balti, beides arabische Musiker, meine Lieblingsmusiker. Ich höre Leute arabisch sprechen auf dem Markt, sie handeln und reden, viel und laut. Und ich höre laute Motoren und fühle Werkzeuge, um Autos zu reparieren. Wenn ich an meine Heimat denke, schmecke ich das Essen meiner Mutter im Fastenmonat Ramadan: Salat, Köfte, Falafel, Fasolia, aber auch Cola und Ayran. Wenn ich an meine Heimat denke, fühle ich die Hitze und ich schwitze, weil die Sonne so stark scheint. Wenn ich an meine Heimat denke, erinnere ich mich mit allem, was ich habe: Augen, Nase, Ohren, Mund und Händen.

Khaled

Ich bringe ein großes Interesse und Erfahrung in Sachen Sport mit. Ich habe schon sehr früh mit Sport angefangen. Erst in Casablanca, wo ich mit 8 Jahren verschiedene Kampfsportarten ausübte, unter anderem Judo, Karate und MMA. Fußball habe ich auch ab 10 Jahren gespielt, damals noch mit den Nachbarskindern und einem älteren Ex-Fußballprofi als eine Art Trainer. Er hat uns jeden Sonntag auf einen Fußballplatz mitgenommen. Wenn er nicht konnte, haben wir uns auf der Straße getroffen und haben dort gespielt. Als ich dann in Nizza lebte, hörte ich erst mit Fußball auf, ließ aber nicht vom Sport ab. Ich war immer noch aktiv im Kampfsport MMA. Ich nahm auch an Turnieren teil, von 18 Turnierkämpfen gewann ich 16. Das ging fünf Jahre lang so, wir trainierten dreimal die Woche je drei Stunden. Als ich meine Tante in Frankfurt besuchte, hat mir die Stadt sehr gut gefallen und meine Cousins haben auch dazu beigetragen, dass ich in Deutschland bleiben wollte. Nach drei Monaten habe ich mit ein wenig Hilfe von der Familie und einem Umzug Platz in einer WG gefunden. Es lief alles schnell, auch der Wiedereinstieg in den Fußball. Viktoria Fulda bot Testtrainings an und sie haben mir eine Chance gegeben. Ich konnte sie überzeugen, man nahm mich auf, das war eine großartige Zeit. Vier, manchmal fünf Tage Training pro Woche, systematisch, nicht wie diese Dorfligen, in denen ich später spielte, das war die A-Jugend. Dort habe ich mich gefordert gefühlt. Dann gab es jedoch einige Probleme und Schwierigkeiten und ich zog nach Rothenburg an der Fulda. Dort wechselte ich die Betreuerin, denn mit der alten gab es oft Streit und Differenzen. Die neue Betreuerin war super, sie hat mir geholfen, eine Wohnung zu finden. Ich habe dann auch wieder Fußball gespielt, aber das hat mir nicht sonderlich gefallen, weil die Leute nicht richtig dabei waren. Die nahmen es nicht ernst. Leider gab es wieder Probleme, aber ich möchte nicht mit dem Sport aufhören. Ich möchte mich einbringen und professionell Fußball spielen, das ist mein Traum. Hier habe ich das Gefühl mich entfalten zu können. Ich hoffe, ich bekomme nochmal die Chance zu zeigen, was ich kann.

Marvin

Melancholie So ein Gefühl… So ein seltsam ironisch, aber doch tragisch – sarkastisches Gefühl, das mir immer und immer wieder vermittelt: das Essen meiner Mutter vor mir zu haben. (das Essen der Anstalt) So ein Gefühl… So ein seltsam ironisch, aber doch tragisch – sarkastisches Gefühl, das mir immer und immer wieder vermittelt: das Waschpulver meiner Mutter zu riechen. (das Waschpulver der Anstalt) So ein Gefühl… So ein seltsam ironisch, aber doch tragisch – sarkastisches Gefühl, das dem Hausarrest meiner Mutter so nahekommt, als wäre sie die Person, die Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr meine Tür verschließt. (Die Einschlusszeit der Anstalt) Es ist seltsam, es ist traurig und schmerzhaft in einem. Kann es sein, dass all diese Gefühle darauf beruhen, dass diese Anstalt mir schon so nahe ist, wie meine eigene Mutter? Ich überlege und komme zu dem Entschluss, es leider einsehen zu müssen, denn ich esse hier schon seit circa vier Jahren und habe mich so sehr daran gewöhnt. An das Essen meiner Mutter erinnere ich mich nur vage. So rieche ich gerade das Waschpulver der Anstalt und komme trauriger Weise auch hier zu dem Entschluss, einsehen zu müssen, dass der Geruch mir mittlerweile vertrauter zu sein scheint, als der des Waschmittels meiner Mutter. Erinnerungen schwinden, so auch Erinnerungen an Gerüche. (Welches Waschmittel benutzt die Frau, die mich gebar?) So sitze ich nun hier und warte darauf, eingeschlossen zu werden und überlege, ob dieses Gefühl dem Hausarrest meiner Mutter nahekommt oder zumindest vergleichbar zu sein scheint… Aber auch das muss ich verneinen. Denn ich denke, dass Einschluss, den meine Mutter mir gab, immer noch irgendwo tief in ihr auf Liebe zu mir beruhte. Wie sieht sie wohl aus, meine Mutter? Wie riecht meine Mutter wohl nach so langer Zeit? Und wie fühlt es sich wohl an, von ihr liebevoll in den Arm genommen zu werden…? Eine Träne… Sie versucht verzweifelt, fast krampfhaft hinter meinem Auge hervor zu schwimmen. Doch haben meine Lider sich in all den Jahren zu einer undurchdringbaren Mauer aufgetürmt. Keine Chance… Sie merkt es und entscheidet sich zum abertausendsten Mal für den Rückzug. Seltsam. Weinen, wie unrealistisch, wie fern diese Art Gefühle mir geworden zu sein scheinen… fast schon so fern, wie die Frau, die mich gebar.

Durra

Ich träumte von Zuhause. Das waren keine genauen Szenen, sondern eher Gerüche. Wie gern ich das wiederhaben will. Ich habe alles vermisst von meiner Heimat Neukölln, die Straßen, die Hinterhöfe, die nach Urin gerochen haben, die Pizzeria von nebenan. Die ganzen Jugendlichen waren jeden Tag bei ihm. Er macht Pizzen mit Herz für jeden Jugendlichen. Es gab sogar Jugendliche, die für ihn einkaufen waren, so was wie z.B. Mehl, Hefe, Salz, Wasser, Gemüse. Das ist für mich Heimat. Heimat ist auch für mich, dass fast alle Nachbarn Araber sind. Manchmal treffen sich die Mütter mit ihren Kindern im Park und die Mütter quatschen über Gott und die Welt. Und die Kinder sind im Sandkasten und essen Sand. Und spielen miteinander. Und wenn wir nach Hause gehen und die Tür öffnen, dann riechen wir das Essen bis zu unseren Gehirnen. Das ist für mich Heimat. Oh Mann, ich habe Hunger auf Fasolia.

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